Weinrallye#21: Aus einer verzagten Flasche dringt nie ein fröhlicher Furz

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Bordeaux-Freunde, die nicht gerade zu den besonders Vermögenden zählen, halten sich oft an die Parole „Kleines Jahr, großer Erzeuger – großes Jahr, kleiner Erzeuger“, um eine gewisse Ausgewogenheit von Preis und Genuss herzustellen. An der Mosel (und generell in Deutschland) gibt es derartige Notwendigkeiten, monetär gesehen, nicht unbedingt; das Preisgefüge wird vom Jahrgang deutlich weniger beeinflusst. Ein sicheres Koordinatensystem wird aber auch nicht unbedingt durch die Lagen vermittelt.

Es kann durchaus mit Enttäuschungen enden, sich lediglich an eine berühmte Lage zu halten, dabei jedoch auf die Erzeugnisse eines zweitklassigen Winzers zurückzugreifen. Zumal manche Lagen so groß gefasst wurden, dass Unterschiede in der Charakteristik gar nicht zu vermeiden sind, da Boden, Sonneneinstrahlung oder Hangneigung sich auch innerhalb dieser Lage beträchtlich unterscheiden.  Kommt noch das Prädikat hinzu: Zwar weniger extrem als in manchen anderen Anbaugebieten, aber auch an der Mosel zu beobachten ist, dass es äußerst prominente Winzer gibt, die ihre Kunden erst ab Auslese aufwärts Ernst zu nehmen scheinen. Die Weine darunter sind zum Teil belanglos und werden – Winzerprestige sei Dank – dennoch zu strammen Kursen veräußert.

Genug der Vorrede. Worum es mir dabei ging: Lage, Winzer, Jahrgang – sie alle leisten zwar ihren Beitrag zu Qualität und Preis, aber eine sichere Orientierung bieten sie keinesfalls. Für die Weinrallye #21 „Die Königin der Reben – Deutscher Riesling aus Spitzenlagen“, ausgerichtet von Lars Breidenbach/Schreiberswein habe ich mir hingegen einen Riesling aus untadeligem Hause ausgewählt, mit dem sich die Hoffnung verbindet, auf eine sichere Bank zu setzen: 2002 Graacher Himmelreich Spätlese (AP 30 03, 8,0% Alc.) von Joh. Jos. Prüm aus Wehlen/Mittelmosel.

Das Weingut

Joh. Jos. (besser bekannt als JJ) Prüm gehört seit Jahren zu den bestbewerteten Weingütern der Mittelmosel. Unbedarften mag dies bei der Erstbegegnung mit seinen Weinen nicht unmittelbar einleuchten – sind sie doch keineswegs laut und besonders druckvoll. Hinzu kommt der typische, auch als „Prüm-Furz“ bekannte Schwefelwasserstoff-Stinker, der speziell den jüngeren Prüm-Flaschen oftmals entsteigt. Prüm gehört zu den Winzern mit einer recht zurückhaltenden Informationspolitik; über seine Philosophie und die Arbeit in Weinberg und Weinkeller erfährt man nicht viel. Sein Internet-Auftritt bietet lediglich eine Mail-Adresse, den Hinweis „Website im Aufbau“ und das Bild einer 1996er Auslese (womöglich zu Zeiten des Going Live der aktuell verkaufte Jahrgang?). Neben oder nach der Wehlener Sonnenuhr ist das Graacher Himmelreich wohl die beste Lage im Hause Prüm.

Die Lage

Das Graacher Himmelreich ist eine von rund 500 Einzellagen an der Mosel. „Himmelreich“ ist als Lagenbezeichnung in Deutschland häufiger anzutreffen. Neben dem Graacher Himmelreich ist sein Zeltinger Äquivalent wahrscheinlich die bekannteste Himmelreich-Einzellage in Deutschland. Hoch gelegen und geographisch sowie qualitativ exponiert: auf diesen gemeinsamen Nenner kann man Himmelreich-Lagen bringen. Das Graacher Himmelreich ist ein unmittelbarer Nachbar der Lage „Graacher Domprobst“ (mit etwas festeren, maskulineren Weinen) und nicht weit entfernt von anderen weltberühmten Mittelmosel-Lagen wie Bernkasteler Doctor oder Wehlener Sonnenuhr. Tonschiefer-Verwitterungsboden durchzieht diese Lage. Es handelt sich um einen durchgehenden Steilhang in ca. 100 – 250 Metern Höhe mit Südwest-Ausrichtung. Zu den prominenten Weingütern, die diese Lage bewirtschaften, zählen neben J. J. Prüm u. a. Reichsgraf von Kesselstatt, Kees-Kieren, Willi Schaefer und Dr. Loosen.

Was die Mittelmosel-Lagen im Allgemeinen und unter ihnen auch das Graacher Himmelreich so prädestiniert für das berühmte „Spiel“ im magischen Dreieck von Säure, Süße und Mineralität macht, ist die Verbindung aus Schiefergrund, Steilheit, Sonnenexposition und steinig-lockerem Untergrund: Die Reben tanken viel Sonne, trocknen im gemäßigten Mosel-Klima jedoch nicht aus. Staunässe kann sich an den Steilhängen nicht bilden, aber Bodenerosion gibt es ebenfalls kaum. Und die Boden- und Geländestruktur zwingt die Reben, sehr tief zu wurzeln – womit sie reichlich Gesteinsaromatik in sich aufnehmen können.

Der Jahrgang

Das Jahr 2002 zeigte sich an der Mittelmosel recht ausgewogen mit einer guten Niederschlagsverteilung und einem mehrwöchigen Vegetationsvorsprung bis in den Frühherbst hinein. Zum Erntebeginn setzte allerdings Regen ein, der eine sehr sorgfältige Lese von den Winzern verlangte. Wer hier gut arbeitete, wurde mit sauberem und vollreifem Lesegut belohnt.

Der Wein

Wie oben bereits erwähnt, haben speziell jüngere Prüm-Weine oftmals einen unverkennbaren und eher wenig feinen Ton im Geruch. Und „jünger“ hat bei Prüm eine erstaunliche Bandbreite. Auch die 2002er Graacher Himmelreich Spätlese bringt solche Anklänge mit, die als sog. reduktive Noten von einem Ausbau unter Sauerstoffabschluss herrühren. Dazu kommen etwas Petrol und eine gewisse Würzigkeit. Im Mund dann ein Hauch von Mandarine, das ebenfalls Prüm-typische CO2 (wodurch der Wein eine hinreißende Melange aus Reife und Frische bekommt) und mit zunehmender Dauer auch etwas Bittermandel. Die Süße ist deutlich, aber nicht im Mindesten klebrig; zusammen mit der ausgesprochen angenehmen Säure und der zarten Mineralik entwickelt sich das o. g. Spiel, das den Wein fliegen lässt. Und hier vereinigt sich die Winzerstilistik mit der Typizität der Lage und den besten Eigenschaften der Rebsorte auf das Vortrefflichste: Filigranität, dazu eine Flüchtigkeit, die nicht Kürze meint, sondern vielmehr eine Art von Verträumtheit und, ja, Unschuld. Der Wein ist nicht endlos lang, aber er huscht sozusagen immer noch mal in der Ferne zurück ins Blickfeld. Auch das leere Glas duftet noch nach.

Bei Nachverkostung eines Flaschenrests zwei Tage später (die neu verschlossene Flasche stand seither im Kühlschrank) zeigt sich eine eher scheue Nase. Die Kohlensäure ist weg, damit auch etwas von der anfänglichen Frische. Tatsächlich ist das entrückte Süße-Säure-Spiel nun deutlich auf den Boden zurückgeholt, der Wein wirkt jetzt etwas nüchterner und kürzer. Die leicht stallig-böckserige Note ist noch da, verschwindet im Glas aber etwas.

Das Fazit

Man merkt: Die als sehr lagerfähig geltenden Prüm-Weine leben von einem Paradox aus unmittelbarer Frische, die selbst älteren Jahrgängen noch entströmt, und Glättung durch Reife, die die leichte Hefigkeit und Schwefligkeit verschwinden lässt. Der verkostete Wein vermittelte Leichtigkeit und, ähm, Fröhlichkeit – was keinesfalls damit verwechselt werden sollte, seinen Konsumenten nicht Ernst zu nehmen.

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4 Gedanken zu „Weinrallye#21: Aus einer verzagten Flasche dringt nie ein fröhlicher Furz

  1. […] Das mir bislang unbekannte Blog Augen, Ohren, Nase entlockt einer Flasche Spätlese einen fröhlichen Furz – eine wunderbare Abhandlung über einen Riesling von der Mittelmosel. So kann es munter weiter […]

  2. Ultes sagt:

    Hallo Guido,
    das die 2002er von JJ Prüm noch die JJ-Note haben wundert mich einerseits, andererseits passt das wiederum bestens zu seinem konsequenten Stil.

  3. […] Das mir bislang unbekannte Blog Augen, Ohren, Nase entlockt einer Flasche Spätlese einen fröhlichen Furz – eine wunderbare Abhandlung über einen Riesling von der Mittelmosel. Der Biowein Blog […]

  4. Ben sagt:

    Säure, Süße und Mineralität, das passt zum Mosel-Riesling. Doch eben eine Klasse für sich!

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