Die Nacht der Currywurst

Ist das der „Dittsche“-Effekt? Oder das gastronomische Gegenstück zu Bürgerjournalismus, Webzwonull, (Hierbittebeliebigesbuzzwordeinsetzen)? Gar die Reproletarisierung der Kulinarik im Zeichen der Wirtschaftskrise? Wie auch immer – Imbisskost wird nicht nur stumpf konsumiert, sondern auch besprochen. Nachdem ich hier ja schon reichlich auf dicke Hose gemacht und damit arglose Gastronomen in der Kurpfalz verängstigt habe, ging ich nunmehr das Risiko der kulinarischen Fallhöhe leichtfertig ein und sah mir heute Abend mal drei Spielarten der Currywurst-Vermarktung made in Hamburg an. Das wichtigste Ergebnis vorab: Alle Körperfunktionen sind nach wie vor im Normalbereich.

Los ging es in Winterhude, bei „Schmitt Foxy Food“ in der Hudtwalckerstraße. Ein Franchise-Unternehmen mit bislang drei Standorten in Hamburg. Franchise und Marketingprägung bedeuten heutzutage nicht unbedingt mehr totalen Mainstream: Schmitt Foxy Food hat offenbar das leicht gehobene, leicht alternative, tendenziell noch etwas jüngere Publikum im Visier. Kräftige Farben bestimmen den Firmenauftritt, vor Ort gibt es nicht nur Coca, sondern auch Fritz Cola, neben Ketchup steht für die Pommes Frites auch Malzessig zur Verfügung. Schrieb ich „Pommes“? Hier sind alle, äh, Gerichte mit getexteten Namen versehen – und so heißen die Pommes dann eben „GrillGold“, die Currywurst heißt „WuchtBrumme“, der Kartoffelsalat „AckerPerle“. Na ja. Ich finde das etwas AufGesetzt.

Ich wähle die „Bio-WuchtBrumme“ mit „GrillGold“ und eine FritzCola Fritz Kola. Die Wurst kostet in Bio-Ausführung 2,90 statt 2,00, ist dafür immerhin sogar Bioland-zertifiziert (und nicht nur EU-Bio), dafür aber recht klein. Serviert in der imbisstypischen Pappschale, muss sie zunächst unter den Pommes freigelegt werden. Der Curry-Ketchup ist klar und fruchtig und passt gut zum milden, Majoran-geprägten Fleischbrät in der Wurst. Insgesamt ist die Wurst jedoch zu weich, sie wirkt fast wie eine aus dem Darm gezutzelte Weißwurst. Die (dicken) Pommes sind geschmacklich gut (es wird in Erdnussöl frititert), jedoch eine Idee zu kurz im Fettbad gewesen, so dass es an einer deutlich konturierten krossen Kruste mangelt, die die Mehligkeit der Füllung hätte kontrastieren können.

Die (studentische?) Bedienung ist sehr freundlich, scheint jedoch als Alleinbesetzung mit dem Sauberhalten des Bewirtungsbereichs nicht immer hinterher zu kommen. Während meiner Anwesenheit sind keine weiteren Gäste da.

Die nächste Visite ist bereits eine Wiederholungstat. Bei der „Curry Queen“ in Eppendorf, Erikastraße, testete ich bereits die sechs verschiedenen Currypulver-Varianten (vom Highend-Gewürzmagier Ingo Holland bezogen) und habe ich mich schon durch das Wurstsortiment von der Bisonwurst bis zur Pata Negra-Wurst probiert. Aber heute wird’s ganz klassisch: Currywurst mit dem als „mild“ ausgewiesenen „Mumbai“-Curry. Dazu keine Pommes (die gibt es hier nicht, somit auch keine Fettwolke), sondern einen Wasabi-Kartoffelsalat. Und ein Radler (diesen Begriff finde ich für einen so maximalst norddeutschen Produzenten wie Flensburger reichlich deplatziert, aber sie schreiben es ja selbst auf die Flasche).

Bei „Curry Queen“ werden alle Würste gegrillt. Meine hat zwar schon etwas, nun ja, Vorwärmzeit im kühleren Bereich des Grillrosts hinter sich, gefällt aber durch die folgende leichte Krossheit der Hülle und die feste, harmonische Füllung. Die Curry-Ketchup-Würzung ist mild und erfrischend und gibt dem Ganzen eine sehr stimmige Charakteristik. Der Kartoffelsalat ist wunderbar schlotzig, neben Zwiebel und Schnittlauch schärft der Wasabi nur ganz dezent. Wurst und Salat wurden in getrennten Schälchen serviert, neckischerweise in Pappoptik, aber aus Porzellan.

Die Räumlichkeiten tragen die eigenartige Betreiberbezeichnung „mondän“; auf jeden Fall geraten die hohen Steh-/Hockertische in leichte Seitenneigung, wenn jemand auf dem Holzdielenboden vorbeigeht. Eppendorfer Altbauflair, verbunden mit einem gehobenen Anspruch an verfeinerte Schnellkost. In meinen Augen keine krude Mischung, sondern stimmig. Zumal das Raumkonzept fast ein Abbild des Gesamtkonzepts ist: wenn man eintritt, wirkt es einfach wie ein (freilich gepflegter) Imbiss. Man bestellt auch gleich vorn, zahlt – und tritt dann sachte über in ein kleines Zwischenreich im Equinox von Imbiss und Restaurant.
Während meiner Anwesenheit ist reger Betrieb; am Nebentisch versuchen sich ein paar Manager in Feierabend-Philosophie über die Verwerfungen der Wirtschaftswelt.

Schließlich der „Imbiss bei Schorsch“, Weg beim Jäger, St. Pauli. Selbstredend gibt es hier kein „Premium“, keine Flyer und kein Corporate Design für den Imbisskittel. Ach ja, und Pommes gibt’s auch nicht. Kein Platz für eine Fritteuse. Es gibt eigentlich nur Currywurst, Schaschlik, Kartoffelsalat und Brot. Und einen Tresen, vor dem nicht mehr als sechs Leute stehen können.

Diesmal sage ich „ja“, als mir die „Scharf?“-Frage gestellt wird. Die Ketchupsauce hier ist legendär – und tatsächlich: sofort ist die Erinnerung wieder da an manchen längeren Abend zu Studentenzeiten und manchen späten Hunger, der hier gestillt werden konnte. Die Wurst wird in reichlich Fett gebraten, aber nicht frittiert. Es ist auch das eindeutig längste Exemplar des Abends. Die Pelle ist relativ fest, die Brätfüllung schön würzig. Vor allem aber ist die Sauce auf ganz spezielle Art sämig, sehr tomatig und von präziser Schärfe. Dazu eine „Anjola-„Ananasbrause – man hat hier die Restbestände aus der eingestellten Produktion übernommen. Nun, ehrlich gesagt: nicht jedes Produkt, das vom Markt verschwindet, muss betrauert werden. Speziell die kleinen Fruchtstückchen, die den Halseingang passieren, finde ich nicht sehr angenehm. So war das früher auch, wenn man die Ananasdose an den Hals setzte. Aber zugegeben, die einer Ananasfrucht nachempfundene Flasche ist sehr hübsch. Gern hätte ich auch noch den hausgemachten Kartoffelsalat getestet, aber für diesen Abend war es dann doch genug des Fetts.

Der Imbiss ist eigentlich immer voll. Und es gibt dort noch diese kernig-herzlichen Dialoge zwischen Personal und Gästen, wie man sie in den angesagten Ausgehvierteln eigentlich immer seltener antrifft, weil dort das Gemachte und Gestylte überwiegt. Auf jeden Fall passt die Autogrammkarte von Dittsche, Ingo und Schildkröte schon ganz gut. Ein leichter Schreckensschauer durchfährt mich allerdings beim Blick auf ein anderes handsigniertes Porträt: Da ist doch offensichtlich ein ehemaliger Kommilitone meines Orchideen-Nebenfachs bei der öffentlich-rechtlichen Schlagerwelle gelandet – nun, er hatte ja auch schon vor 15 Jahren den Versuch unternommen, ein anstehendes Referat nicht zu halten, sondern in Bandform vorzulegen.

Und das Fazit? Im „Imbiss bei Schorsch“ gibt es eine Wurst, die sauber und ehrlich auf den Punkt bringt, was man sich in der Regel von so einem schnellen Stück Fleischbrät erwartet. Nicht mehr und nicht weniger. Die „Curry Queen“ lotet alles aus, was sowohl Curry als auch Wurst an Potenzial zu bieten haben. Das ist mehr, als man zunächst denken könnte. Und „Schmitt Foxy Food“ ist ein bisschen zu viel Marketing für zu wenig Abweichung vom Bekannten. Und ich brauche jetzt einen Schnaps.

Advertisements
Getaggt mit , , ,

4 Gedanken zu „Die Nacht der Currywurst

  1. […] nicht alles verraten, ihr sollt ja schließlich auch noch in sein Blog klicken. In diesem Sinne: Die Nacht der Currywurst. Zur Lektüre […]

  2. Pasta sagt:

    was bitte ist „präzise Schärfe“???

    BG Pasta

  3. GuidoM. sagt:

    Präzise Schärfe ist erstens gut „eingeschärft“, also im richtigen Schärfegrad. Und zweitens bringt sie eine angenehme Aromatik mit, ist also nicht einfach nur dumpf.

  4. […] die das glauben), außerdem schlummert wohl in so manchem der Wunsch, Franchise-Betreiber eines Currywurst-Imbisses zu werden. Aber wirklich schön sind ja eigentlich immer die exotischen Ausreißer unter den […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: